Stella Gronau vom Humboldt-Gymnasium Weimar interviewt Dirk Sipp im Rahmen ihrer Seminarfacharbeit im Herbst 2017


Auszug aus:

„Ja, das geloben wir?!“ - Ideologische Einflussnahme
des sozialistischen Staates auf die Jugend in der späten
DDR
Seminarfacharbeit
am Humboldt-Gymnasium Weimar

6.3 Interviews

6.3.1 Interview mit Dirk Sipp vom 15.01.2017

Dirk Sipp und Stella Gronau nach dem gemeinsamen Interview bei Antenne Thüringen


Dirk Sipp arbeitet als Radiomoderator bei Antenne Thüringen und hat sich bereit erklärt, am 15.01.2017 ein Interview zum Thema Freizeitkultur in der DDR im Rahmen unserer Seminarfacharbeit zu geben. Das Zeitzeugengespräch hat insgesamt eine Stunde und fünfzehn Minuten gedauert und wurde mit einer Videokamera aufgezeichnet.

Dirk Sipp hat über seine Erfahrungen und Erlebnisse aus seiner Jugend und insbesondere aus seiner Zeit als Schallplattenunterhalter (SPU) gesprochen. Er war in seiner Jugend in der AG Discosprecher am Pionierhaus Bruno Kühn Gotha unter der Leitung von Hajo Zimmermann tätig und hat nach einem Jahr die Prüfung als SPU in der Grundstufe bestanden. Dabei war er erst 15 Jahre alt und somit der jüngste Diskomoderator der DDR. Dirk Sipp arbeitete in der mobilen „effect-diskothek-gotha“ zusammen mit Jürgen-Wolfgang Liebe.


Mitschrift vom Band (Anmerkung der Redaktion)


Wo und wann sind Sie geboren?

D: In Gotha, am 05. Oktober 1963.


Was haben Sie in Ihrer Jugend für eine Ausbildung verfolgt?

D: Zu DDR-Zeiten war es normal, den 10. Klasse Abschluss zu machen. Es war auch möglich, schon nach der 8. Klasse aufzuhören, doch das waren Ausnahmen. Abitur wurde ebenso von wenigen verfolgt, die auch meist von ihren Eltern auf diesen Weg geführt worden. Ich wollte eigentlich auch Abitur machen, habe es aber leider nicht geschafft. Doch dann habe ich einen Studienplatz bekommen, wobei man in einem Jahr eine Art Schmalspurabitur gemacht hat und nur die Fächer hatte, die auch für das Studium relevant waren.


Und genau was haben Sie studiert?

D: Ich wollte Lehrer werden, das hat aber nicht funktioniert. Schon nach einem Jahr wurde ich unfeierlich exmatrikuliert.


Wie sind Sie zum SPU (Schallplattenunterhalter) geworden?

D: Das bin ich schon in der 7. Klasse geworden, indem die Schule mitbekommen hat, dass ich mich für Musik interessiere. Damals haben die Bildungseinrichtungen ans Pionierhaus in Gotha delegiert. Dort gab es eine Ausbildung für junge Diskomoderatoren, sodass alle Schulen einen Delegierten hatten, der sich damit auskannte, z.B. für die Schuldisko. Man sollte sachgemäß mit einer Musikanlage umgehen und auch mal drei Worte sprechen können, ohne Mist zu erzählen. Und dafür wurde ich ausgewählt. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich das wollte, doch als ein Mädchen aus meiner Klasse für mich einspringen wollte, habe ich zugesagt. Ein SPU aus Gotha, den ich auch schon kannte, weil er fast überall aufgelegt hat, sollte uns ausbilden, doch er war unzuverlässig und kam teilweise auch nicht zu den Veranstaltungen, sodass die Auszubildenden an Zahl verloren. Anfangs waren es bestimmt 10-15 Leute, doch bis zum Ende durchgehalten haben nur zwei bis drei und ich war dabei. Dann habe ich die Prüfung bestanden und theoretisch meine Pappe (Spielerlaubnis) bekommen. Doch praktisch bekam ich sie vorerst nicht, weil die Abteilung Kultur unordentlich gearbeitet hat. Aber ich war trotzdem SPU und somit der jüngste DJ in der DDR, weil man die Pappe eigentlich erst mit 16 Jahren bekommen hat. Man musste als Diskomoderator auch lange aufbleiben und für beispielsweise Betriebskollektive auflegen, doch meine Eltern haben es mir erlaubt, weil sie froh waren, dass ich ein paar Pfennige damit verdient habe. In der Spielerlaubnis stand drin, wie viel ich verdiene. Ich konnte pro Stunde 6,50 Mark verdienen. Es gab verschiedene Stufen und das war schon die Mittelstufe, mit der ich im Kreis Gotha auflegen durfte. Es gab dann noch die Oberstufe mit 8,50 Mark, da durfte man im Bezirk Erfurt arbeiten und für 10,50 Mark durfte man in der ganzen DDR auflegen. Dazu gab es noch 25 Mark für die Anlage/Wiedergabetechnik pro Veranstaltung. Viel Geld hat man damit nicht verdient, aber es hat Spaß gemacht und vor allem hat man Anerkennung bekommen. Schon zu Beginn einer Veranstaltung war der Saal voll und meistens war in den Sälen in der Mitte Parkett und am Rand standen Stühle mit Tischen. Und wenn man den ersten Titel gespielt hat, hörte man, wie die Stühle zurück gerückt worden, alle aufstanden und tanzten. Dieses Geräusch gibt es heute überhaupt nicht mehr.


Was wurde von Ihnen verlangt, um die Spielerlaubnis zu erhalten?

D: Die Prüfung war interessant: Es gab bestimmte Regeln und an die musste man sich natürlich halten. Die Prüfung sollte eine Veranstaltung darstellen, wie sie auch immer ablaufen sollte, doch normalerweise hat das so nicht funktioniert, da man 60% Ost-Musik spielen musste. Diese beinhaltete Musik aus der DDR, Polen, Rumänien, Russland, … . Dabei hat man sich auf die Musik aus der DDR konzentriert, weil diese von der Jugend noch akzeptiert wurde. Zum Beispiel Karat hatte im Westen ein bis zwei Hits, sodass man diese spielen konnte, doch den größten Teil der Ost-Musik wollte keiner hören. Man brauchte eine Konzeption und dabei gab es einen Trick: 18 Uhr war Einlass und als Hintergrundmusik hat man die aus dem Osten laufen lassen, sodass man schonmal ein paar Prozente weg hatte und in der Auslaufmusik am Ende dasselbe. Dann musste ich zwischendurch noch ein paar Ost-Lieder spielen, sodass ich auf die 60% kam, doch bei zu viel DDR-Musik, wären die Anwesenden gegangen. Während der Prüfung habe ich das Publikum sozusagen gekauft, indem ich meine Schulklasse eingeladen und ihnen gesagt habe, dass ich solche Musik spielen muss und sie da mal mitmachen sollen. Doch es war nicht einfach nur Musik spielen. Die Prüfungskommission bestand aus drei bis vier Leuten vom methodischen Kreiskabinett für Kulturarbeit, die Berufskulturfunktionäre waren. Es musste laut Gesetz ein Tanz-, Geselligkeits- und Informationsbedürfnis befriedigt werden. Die ersten beiden waren durch die Zusammenkunft und Musik auf der Veranstaltung gegeben, doch das Informationsbedürfnis war schwierig. Man sollte den Leuten am besten was politisches vermitteln. Ich habe ein Quiz gemacht und wir haben Spenden für Betroffene des Erdbebens in Nicaragua gesammelt, da sich die DDR für dieses unterentwickelte Land eingesetzt hat, denn diese Spendensammlung hat natürlich Punkte gebracht. Somit habe ich auch dieses Bedürfnis befriedigen können und habe meine Spielerlaubnis mit fünf Mark erhalten. Man musste ich die Prüfung alle zwei Jahre neu ablegen und in der Zeit habe ich nur noch mit Kindern gearbeitet, weil sich kleine Kinder nicht nur für die Hits interessieren. Bei den Größeren hatte man keine Chance mit DDR-Musik. Ich verstehe nicht, warum es dieses Gesetz gab, weil es einfach nicht durchsetzbar war. Denn dazu gab es auch noch Titel, die zugelassen und andere Titel, die nicht zugelassen waren. Es gab Hefte, in denen alle Titel verzeichnet waren, die erlaubt waren. Aus der Radiosendung Podiumsdiskothek, die dafür ausgelegt war, dass Schallplattenunterhalter Musik mitschnitten, waren Titel aufgelistet, die man spielen durfte. Aber auch das war nicht durchsetzbar, denn wenn gerade ein Lied auf allen Kanälen im West-Radio lief, der im Osten nicht erlaubt war, wollten den trotzdem alle hören und ich habe ihn auch gespielt. Doch es war immer ein Risiko, denn wenn man vom Falschen erwischt wurde, gab es hohe Strafen. Ich bin zum Glück nie in eine Kontrolle gekommen.


Was war der allgemeine Ablauf so einer Tanzveranstaltung?

D: Wir sind meistens im Jugendclub aufgetreten und es begann mit einer Annonce in der Zeitung, die durch die Einnahmen von früheren Veranstaltungen finanziert wurde. 19 Uhr war Einlass, doch schon davor war vor der Tür eine große Menschentraube. Alle die davor standen, hatten Angst nicht reinzukommen und jeder, der jemanden aus der Ordnungsgruppe kannte, war stolz darauf, weil er die Sicherheit hatte, reinzukommen. Halb sieben waren dann schon alle im Jugendclub und um sieben ging es los. Dann haben wir drei Stunden Musik gemacht und zwischendurch kam immer mal ein Spielchen, weil wir es gelernt hatten, dass wir die Leute unterhalten sollen. Das Verrückte heutzutage ist, dass die Tanzfläche damals nie leer war. 22 Uhr kam dann die Durchsage, dass alle unter 16 Jahren den Saal verlassen sollen und die Ordnungsgruppe hat kontrolliert. Ob sie das ernst genommen haben, weiß ich nicht, aber es waren hinterher fast genauso viele drin wie vorher. Aber länger als bis um 11 ging es eigentlich auch nicht, außer es war Samstag, denn diese Veranstaltungen fanden auch unter der Woche statt. Doch auch samstags ging es auf keinen Fall länger als bis um eins. Aber es fand nie so statt, wie es eigentlich sein sollte mit politischer Gestaltung oder dem 60% Ost-Musik Gesetz.


Was gab es ansonsten noch für Gesetze, an die man sich halten musste?

D: Ich musste die AWA-Gebühren bezahlen, das waren damals die Musikrechte und da gab es auch Kontrollen. Deshalb musste man seine AWA-Liste immer dabei haben und einmal für den Titel pro Spielminute 20 Pfennig bezahlen. Also diesen Preis musste man nur bezahlen, wenn man den Titel aufgenommen hatte, bei Schallplatten waren die AWA-Gebühren schon im Kaufpreis enthalten. Aber da hat sich auch nicht jeder dran gehalten, weil ich ein Lied, was ich am Morgen aufgenommen habe, nicht abends spielen durfte. Ich musste erst die Gebühren einschicken und die Bestätigung erhalten, dass ich bezahlt habe und das hat ein bis zwei Wochen gedauert.


Hatten Sie manchmal Angst vor eventuell auftretenden Strafen?

D: Ja, ein bisschen Angst war immer dabei, weil wir genau wussten, dass wir die Gesetze nicht einhielten. Aber weil wir für Jugendliche etwa in unserem Alter aufgelegt haben, fühlten wir uns dazu berufen, die Musik zu spielen, die alle hören wollten. Ich hatte auch immer zwei Stühle neben mir stehen. Auf dem einen standen die Schallplatten, die erlaubt waren und auf dem anderen waren West-Platten, die nicht erlaubt waren. Und wenn wir gemerkt hätten, dass jemand kommt, wären wir vorbereitet gewesen und hätten die Jacke über den Stuhl gehangen oder ihn weggestellt.


Haben sich die Bestimmungen Ihrer Meinung nach auf die Jugendlichen in Bezug auf individuelle Entwicklung, aber auch Ideologisierung positiv oder negativ ausgewirkt?

D: Der Staat hat gewollt, dass wir die Jugendlichen ideologisch beeinflussen, indem wir sie in die „richtige Richtung“ führen. Diese war damals links und es stand auch irgendwo, dass wir parteipolitisch, also im Namen der SED, handeln sollten. Doch das habe ich nicht gemacht, denn beim Feiern will man einfach nur Spaß haben. Es hat in soweit etwas gebracht, dass niemand draußen auf der Straße war und Unsinn gemacht hat, der bei uns auf der Veranstaltung war. Ich kenne jedoch auch andere Diskotheker, auf deren Veranstaltungen Schlägereien stattfanden, doch diese waren dann immerhin unter „Aufsicht“. Die Ideologie hat für uns keine Rolle gespielt, wenn man mit seinen Freunden feiern war. Musikveranstaltungen waren nicht politisch, auch wenn die FDJ das gerne so gesehen hätte. Das einzige, wo versucht wurde, politisch und ideologisch zu plakatieren, war die Bühnengestaltung. Da standen große Losungen hinter uns, auf denen zum Beispiel für den Parteitag geworben wurde, doch wir haben uns da keine Gedanken drüber gemacht. Die Mehrheit hat es so akzeptiert, wie es war und so war es eigentlich immer in der DDR. Es gab noch die Pfingsttreffen der FDJ, früher in Ost-Berlin und später in den Bezirksstädten.Dort stand alles im Zeichen der FDJ und war somit politisch, aber das haben wir nicht in dieser Weise wahrgenommen. 1979 war ich bei einem Pfingsttreffen in Ost-Berlin dabei. Ich weiß noch, dass es so warm war, dass alle Jugendlichen ihre FDJ-Hemden ausgezogen haben und baden gegangen sind und es niemanden interessiert hat, ob er dieses Zeichen des Jugendverbandes trägt oder nicht. Es waren überall Konzerte, Disko und Tanz in Ost-Berlin. Das war toll. Und in den Bezirksstädten war das genauso. Erst sind alle in den FDJ-Hemden hin gefahren und haben sie dann ausgezogen. Der Staat hat geschafft, dass die Jugend dessen Angebote annimmt und dabei wurde auch aufgepasst, dass diese Spaß machen, sonst hätte es nicht funktioniert. Wir haben teilgenommen, doch haben es nicht weiter mit der FDJ in Zusammenhang gebracht.


Wie haben Sie im Alter zwischen 14 und 18 Ihre Freizeit verbracht?

D: In den Schulen gab es Arbeitsgemeinschaften und ich habe in der „AG Junge Diskosprecher“ meine SPU Erfahrungen gesammelt. Ich war außerdem in der „AG Foto“, wo wir unsere eigenen Fotos entwickelt haben. Es gab noch einen Schulclub, der alle Freizeitaktivitäten organisierte. Wir waren völlig organisiert, von Anfang bis Ende. Die Gesellschaft für Sport und Technik war sozusagen eine Vorbereitung für die Nationale Volksarmee und im Nachhinein gesehen, war es keine gute Beschäftigung, aber wir haben mit echten Gewehren geschossen, was schon Spaß gemacht hat. Mein Vater hat mir dieses Freizeitangebot doch verboten und dann bin ich in die Christenlehre gegangen, aber da war ich nur zweimal. Zusätzlich war ich Mitglied in der Deutsch Sowjetischen Freundschaft. Dort haben auch fast alle teilgenommen, denn wenn nicht mindestens 90% der Klasse in der DSF war, wurde sie von einer schönen Unternehmung ausgeschlossen. Außerdem war ich Mitglied im Deutschen Turn- und Sportbund. Ich war beim Geräteturnen und habe sogar eine Medaille gewonnen. Als Kind habe ich angefangen und dann im Laufe der Zeit immer mal was anderes gemacht. Dieses Training war auch ein- bis zweimal die Woche. Wie man sieht, war immer was los. Überdies waren aufgrund der Planwirtschaft die Konsumgüter beschränkt vorhanden und gerade an Schallplatten herrschte großer Mangel. Wenn es eine Lizenzplatte, also eine erlaubte West-Platte gab, musste man genau in dem Moment im Laden sein, wo sie ausgepackt wurden. Ich war jeden Tag in dem Plattenladen in Gotha, um zu schauen, ob es eine neue Lizenzplatte zu kaufen gab. Nebenbei sind wir auch noch ins Kino gegangen, was damals nur eine Mark gekostet hat. Man musste auf einige Freizeitangebote auch einen sogenannten Kulturbeitrag zahlen. Beim Kino waren es fünf Pfennig, sodass ein Besuch 1,05 Mark gekostet hat und zum Beispiel der Diskoeintritt lag bei 1,50 Mark plus zehn Pfennig Kulturbeitrag.


Was für Reisen haben Sie in Ihrer Jugend unternommen?

D: Zum einen bin ich mit meinen Eltern in den Urlaub gefahren und da waren wir einmal am Altenberger See bei Eisenach. Aber sehr häufig habe ich als Gruppenleiter im Ferienlager gearbeitet und dort auch als SPU aufgelegt. Wir waren an der Ostsee und das war so schön, dass ich jedes Jahr mitgefahren bin, deshalb habe ich ansonsten auch keinen Urlaub gemacht. Einmal habe ich einen Antrag gestellt, nach Ungarn zu fahren, aber schon bei der Antragstellung habe ich mit einer Absage gerechnet, denn Ungarn war das sozialistische Land, was am meisten im westlichen Einfluss stand. Doch später bin ich mit meinem Lehrmeister nach Ungarn gefahren und habe dort unter anderem Schallplatten gekauft. Wir haben die extra versteckt, damit wir sie am Zoll nicht nochmal bezahlen müssen, doch sie haben die Einkäufe gefunden und wir haben uns gewundert, warum sie ausgerechnet uns durchgesucht haben. Am Ende hat sich herausgestellt, dass einer unserer Mitfahrer ein Stasi Spitzel war.


Wer hat die Ferienlager organisiert, in denen Sie gearbeitet haben?

D: Das waren meistens die volkseigenen Betriebe, die ein eigenes Kinderferienlager hatten, welches jedoch nur für Betriebsangehörige nutzbar war.


Was wissen Sie über den Verein Jugendtourist?

D: Das war sozusagen das Reisebüro der FDJ. Dort wurden theoretisch auch Reisen in die BRD angeboten, doch diese Anträge wurden so gut wie immer abgelehnt. Ich war nie im westlichen Ausland, aber es gab auch Leute, die es geschafft hatten und dort waren.


Denken Sie, FDGB und Jugendtourist haben Ihnen finanziell zu mehr Urlaub verhelfen können?

D: Meine 14-tägige Reise nach Schwarzburg mit meiner damaligen Frau hat über den FDGB weniger als 100 Mark gekostet. Demnach hat der FDGB auf jeden Fall unseren Urlaub gestützt.


Ist in Ihnen der Wunsch aufgetreten, auch in Länder außerhalb des Ostblocks zu reisen?

D: Ich wäre gerne in den Westen gereist und hätte mir dort das Leben angeschaut, doch ich habe akzeptiert, dass es nicht möglich ist. Die Frage ist natürlich, warum ich es akzeptiert habe, ich kann sie jedoch nicht beantworten. Das Wichtigste, was ein Mensch zum Leben braucht, hatten wir.


Inwieweit haben Sie sich durch die Reisebeschränkungen in Ihren Freiheiten eingeschränkt gefühlt?

D: Ich habe damals den Westen in gewisser Weise mit Freiheit assoziiert. Als wir einmal mit der Klasse in Berlin waren, sind wir Riesenrad gefahren und haben von dort aus in den westlichen Teil Berlins geschaut und Fotos gemacht. Das was uns wohl am meisten gefehlt hat, waren diese Konsumgüter, die Spaß machten. Sei es ein bunter Schulranzen oder was Modisches zum Anziehen und das hätten wir im Westen bekommen.


Denken Sie aus heutiger Sicht, dass eine Reise in einen westlichen Staat Sie politisch von dem in der DDR verfolgten Sozialismus entfernt hätte?

D: Ich war privilegiert, denn ich war in der Jugendarbeit tätig, doch es gab auch Leute, die sich in der DDR nicht so wohl und eingeschränkt fühlten. Wir wurden im Unterricht insoweit daraufvorbereitet, dass ich wusste, was es im Westen zu kaufen gäbe. Doch gleichzeitig wusste ich auch, dass es sich nicht jeder kaufen konnte, weil nicht jeder Arbeit hatte. Ich war jedenfalls stellvertretender Leiter im Jugendclub des Gummiwerkes und da hatten wir hin und wieder westdeutsche Delegationen mit denen wir uns natürlich über die beiden politischen und wirtschaftlichen Systeme unterhalten haben. Ich habe immer die DDR verteidigt, doch wenn man mich fragt, ob ich im Westen geblieben wäre, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, kann ich diese Frage nicht beantworten.


Wie würden Sie das Freizeitangebot der FDJ und des sozialistischen Staates bewerten?

D: Es wurde sich viel gekümmert. Wir konnten uns so gut wie alle Freizeitangebote leisten, aber wenn man sich zum Beispiel gerne nicht lizensierte West-Musik angehört hat, dann hatte man ein Problem. Man konnte sie sich nicht kaufen und auch die großen Filme aus dem Westen liefen im Kino nicht zur Genüge. Im Allgemeinen konnten wir die westliche Freizeitkultur nicht ausreichend nutzen. Es wurde nur in geringem Maße angeboten, da der Staat aufgrund von West-Fernsehen oder Radio dessen Existenz nicht leugnen konnte.


Bewerten Sie dies eher als positive Wegbereitung oder als Hemmung in der individuellen Entfaltung?

D: Also hemmend war es nicht, dass man sich diese Freizeitaktivitäten leisten konnte, doch wir haben damals nicht realisiert, dass es gefördert wurde und aus diesem Grund so preiswert war. Der Staat versuchte uns durch diese Förderung in seine Richtung zu ideologisieren, doch wir haben diese Veranstaltungen nicht als politisch wahrgenommen. Letztendlich hatte das Eingreifen des Staates positive und negative Seiten, aber wir hatten eine tolle Jugend!


Ende der Mitschrift vom Band (Anmerkung der Redaktion)